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Nachfolgechancen im Microcap-Segment

01
Dec
2025
5
min read
Nachfolgechancen im Microcap-Segment

Finanzierbare Deals, greifbare Digitalisierungshebel und eine besondere Nachfolgesituation machen Microcap-Unternehmen für Suchende zu einem idealen Einstieg ins Unternehmertum – und bieten zugleich Verkäufern eine realistische, stabile Nachfolgelösung.

Der Nachfolgemarkt verändert sich sichtbar: Während Start-ups und große Transaktionen viel Aufmerksamkeit bekommen, wächst im Hintergrund ein Segment, das für viele Erstübernehmer besonders interessant ist. Gemeint sind Microcap-Unternehmen mit einem EBITDA von etwa 0,3 bis 0,7 Mio. Euro. Für Suchende, die erstmals ein Unternehmen übernehmen möchten, ist diese Größenklasse häufig der pragmatischste Einstieg in unternehmerische Verantwortung. Und auch für Verkäufer kann genau dieses Segment attraktiv sein, wenn es um eine verlässliche und zukunftsfähige Übergabe geht.

Dieser Beitrag zeigt, warum Microcaps so spannend sind, welche Chancen und Risiken typisch sind – und wie beide Seiten den Übergang professionell gestalten.

Der Microcap-Sweetspot: Was darunter zu verstehen ist

In diesem Kontext sprechen wir von Unternehmen, die typischerweise:

  • ein EBITDA von grob 0,3 bis 0,7 Mio. Euro erzielen,
  • inhabergeführt sind,
  • über eingespielte Teams und stabile Kundenbeziehungen verfügen,
  • aber selten bereits professionell digitalisiert oder skaliert wurden.

Es handelt sich nicht um „kleine Start-ups“, sondern um etablierte Betriebe – oft seit vielen Jahren am Markt. Genau daraus entsteht der Sweetspot: groß genug, um wirtschaftlich attraktiv zu sein, und gleichzeitig überschaubar genug, um den Einstieg realistisch und steuerbar zu halten.

Einstieg mit planbarer Finanzierung – ohne übermäßigen Kapitaldruck

Ein zentraler Vorteil des Microcap-Segments ist die vergleichsweise gute Finanzierbarkeit. Deals in dieser Größenordnung lassen sich häufig über eine ausgewogene Mischung aus

  • klassischen Bankdarlehen,
  • öffentlichen Förderprogrammen,
  • und einem moderaten Eigenkapitalanteil

strukturieren. Bewertungen bewegen sich in vielen Fällen im Bereich des drei- bis vierfachen EBITDA – was Kaufpreise ermöglicht, die für Suchende häufig darstellbar sind, ohne zwingend große Beteiligungsgesellschaften oder externe Investoren einzubinden.

Das wirkt sich gleich mehrfach positiv aus:

  • Kontrolle und Entscheidungsfreiheit bleiben stärker beim Käufer.
  • Der Verschuldungsgrad bleibt in einem Rahmen, der auch bei konservativen Annahmen tragfähig ist.
  • Es bleibt Budget für Investitionen nach der Übernahme – statt alles in den Kaufpreis zu binden.

Gerade diese Kombination aus realistischem Einstieg und kalkulierbarem Risiko ist für viele Suchende der Hauptgrund, sich auf Microcaps zu fokussieren.

Werthebel durch Digitalisierung und Professionalisierung

Viele Microcap-Unternehmen sind operativ solide: treue Kunden, funktionierende Prozesse, verlässliche Mitarbeitende. Gleichzeitig ist der Digitalisierungsgrad häufig niedrig – und genau das schafft Potenzial. Das Unternehmen „läuft“, aber es gibt zahlreiche Stellschrauben, die sich relativ schnell verbessern lassen.

Typische Hebel sind zum Beispiel:

  • Einführung oder Ausbau eines CRM-Systems für strukturierte Kundenarbeit
  • Controlling-Professionalität mit klaren KPIs und regelmäßigen Auswertungen
  • Digitalisierung von Abläufen wie Angebotserstellung, Disposition, Einkauf oder Buchhaltung
  • Modernisierung des Online-Auftritts zur Neukundengewinnung
  • Automatisierung wiederkehrender administrativer Aufgaben

Schon überschaubare Maßnahmen können spürbare Effekte erzielen. Für Suchende bedeutet das: Microcaps liefern nicht nur laufenden Ertrag, sondern oft konkrete, umsetzbare Wertsteigerungschancen, die sich innerhalb weniger Jahre realisieren lassen.

Operative Nähe: Lernen im Unternehmen statt nur aus Reports

Ein weiterer Vorteil liegt in der Nähe zum operativen Geschäft. Käufer übernehmen nicht nur eine Geschäftsführungsrolle, sondern gewinnen direkten Einblick in:

  • Abläufe und Prozesse,
  • Kundenbeziehungen,
  • Team- und Rollenstrukturen,
  • die täglichen operativen Herausforderungen.

Das führt zu einer steilen Lernkurve: Das Geschäftsmodell wird nicht nur über Zahlen verstanden, sondern über echte Interaktion – mit Mitarbeitenden, Kunden und dem Markt. Entscheidungen wirken schneller und unmittelbarer als in größeren Organisationen.

Hinzu kommt: Der Kontakt zum Verkäufer ist in Microcaps meist direkter, weil es sich häufig um Gründer oder langjährige Inhaber handelt. Gespräche sind dadurch oft weniger formal, stärker vertrauensbasiert – und drehen sich nicht nur um den Preis, sondern auch um die Frage, wie das Unternehmen künftig geführt werden soll.

Marktumfeld: Die Nachfolgewelle im unteren Mittelstand

Demografisch bedingt steht eine große Zahl von Unternehmen vor der Nachfolge – besonders im inhabergeführten unteren Mittelstand, also genau in der Größenordnung vieler Microcaps.

Typische Ausgangslage:

  • Inhaber im fortgeschrittenen Alter
  • keine passende familieninterne Nachfolge
  • wirtschaftlich stabil, aber nicht groß genug für den Fokus vieler Investoren

Für Suchende ist das eine seltene Konstellation: Viele potenzielle Zielunternehmen, aber vergleichsweise wenige Käufer, die strukturiert und professionell in diesem Segment suchen. Das kann die Chancen erhöhen, ein passendes Unternehmen zu finden – sofern Suchende fokussiert vorgehen.

Typische Risiken im Microcap-Segment – und wie man sie gut steuert

Natürlich hat jede Übernahme Risiken. Im Microcap-Bereich tauchen einige Themen besonders häufig auf – viele davon sind jedoch mit sauberer Vorbereitung und klaren Vereinbarungen gut beherrschbar.

1) Abhängigkeit vom Inhaber

Oft ist der Gründer zentrale Bezugsperson für Kunden oder Know-how-Träger für technische Themen. Ein abruptes Ausscheiden kann Unsicherheit auslösen.
Bewährte Lösung: eine geplante Übergangsphase, in der der Verkäufer den Nachfolger strukturiert einarbeitet – z. B. über befristete Mitarbeit, Beratung oder Earn-out-Logiken. So werden Wissen und Kundenvertrauen kontrolliert übertragen.

2) Geringe Managementtiefe

Eine zweite Führungsebene ist selten ausgeprägt. Ausfälle können deshalb stärker wirken.
Ansatz: vor dem Deal Schlüsselrollen identifizieren; nach der Übernahme Vertretungsregeln, klare Rollenprofile und ggf. einen kleinen Führungskreis aufbauen.

3) Investitions- und Digitalisierungsstau

Der niedrige Digitalisierungsgrad ist Chance und Risiko zugleich.
Wichtig: ein realistischer Investitionsplan für die ersten 12–24 Monate (Systeme, Prozesse, Prioritäten, Budget), damit notwendige Maßnahmen nicht unterschätzt oder verschoben werden.

4) Kunden- oder Lieferantenkonzentration

Ein hoher Umsatzanteil bei wenigen Kunden oder starke Lieferantenabhängigkeit ist häufig.
Vorgehen: Stabilität und Vertragslage prüfen, Ersetzbarkeit bewerten und anschließend Diversifikation planvoll aufbauen (weitere Kunden, Alternativlieferanten).

Wer diese Punkte offen adressiert und in konkrete Maßnahmen übersetzt, legt den Grundstein für eine stabile Entwicklung nach der Übernahme.

Warum Verkäufer von externen Nachfolgern profitieren – und wie Übergänge gelingen

Für viele Unternehmer ist ihr Betrieb ein Lebenswerk. Eine externe Übergabe ist emotional anspruchsvoll – aber oft der realistischste Weg, wenn keine Nachfolge in der Familie möglich ist.

Ein externer Nachfolger bringt oft neue Ideen und zusätzliche Kompetenzen (z. B. Digitalisierung, Personal, Marketing). Und: Der Übergang muss nicht abrupt sein. In der Praxis bewähren sich Modelle, bei denen

  • Aufgaben schrittweise übergeben werden,
  • Wissen strukturiert transferiert wird,
  • der Käufer in die Rolle hineinwächst,
  • und implizites Know-how im Unternehmen bleibt.

So entsteht ein Übergabeprozess, der die Perspektive des Verkäufers respektiert – und dem Käufer Sicherheit gibt.

Dealsourcing in der Praxis: Wie Suchende passende Unternehmen finden

Der Weg in den Microcap-Sweetspot startet nicht mit der Finanzierung, sondern mit dem Dealsourcing. Erfolgreiche Suchende kombinieren meist mehrere Kanäle:

Direkte Ansprache
Persönliche Kontaktaufnahme (Brief, Anruf, Vor-Ort-Termin) wirkt oft stärker als generische Massenansprache – entscheidend ist Transparenz: Wer bin ich, was suche ich, wie stelle ich mir die Nachfolge vor?

Netzwerke & Empfehlungen
Steuerberater, Banken, Anwälte oder regionale Verbände kennen häufig Nachfolgethemen. Ein klar formuliertes Suchprofil erhöht die Chance auf passende Empfehlungen.

Digitale Kanäle (z. B. LinkedIn)
Für digital affine Unternehmer kann eine persönliche, individuell formulierte Nachricht ein guter Einstieg sein.

Dealsourcing-Plattformen
Plattformen wie DUB, DEALCIRCLE oder AMBER helfen, Zielunternehmen zu identifizieren, Marktsegmente zu strukturieren und Ansprechpartner zu finden. Sie ersetzen nicht das Gespräch, erhöhen aber Reichweite, Transparenz und Effizienz.

In der Regel liefert die Kombination aus datenbasierten Tools (Breite) und persönlichen Kontakten (Tiefe) die besten Ergebnisse.

Fazit

Microcap-Unternehmen bieten für Suchende einen besonders attraktiven Einstieg: finanzierbar, operativ nah und mit klaren Werthebeln durch Digitalisierung und Professionalisierung. Gleichzeitig eröffnen sie Verkäufern die Chance, ihr Unternehmen verantwortungsvoll zu übergeben und den Übergang aktiv zu begleiten.

In einer Zeit, in der die Nachfolgewelle den unteren Mittelstand stark betrifft, ist dieser Sweetspot mehr als eine Nische: Er ist ein Segment, in dem Käufer und Verkäufer nachhaltige Lösungen schaffen können – wenn der Prozess strukturiert, partnerschaftlich und mit klarem Blick auf Chancen und Risiken gestaltet wird.

Dies ist ein Fachbeitrag von Kai Hesselmann, Co-Founder und Managing Partner von DEALCIRCLE.

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